Signale der Hoffnung in scheinbar dunklen Zeiten
Predigt von Dionys Asenkerschbaumer am 10. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A
zu Hos 6, 3 – 6; Röm 4, 18 – 25; Mt 9, 9 – 13
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Der Krieg in der Ukraine geht unvermindert weiter; Nahost-Konflikt spitzt sich erneut zu, USA und Iran greifen wieder an; wachsende Angst vor wirtschaftlichem Abstieg in Deutschland; Industrie auf historischem Tief; Unzufriedenheit mit der Bundesregierung nimmt zu; Gesundheitssystem droht zu kollabieren; Deutschland scheitert mit Antrag auf einen Sitz im UN-Sicherheitsrat; weniger Rente für pflegende Angehörige; Altersbezüge: vier Jahre Bundestag entsprechen 28 Jahren von Durchschnittsverdienern; …
Wie geht es Ihnen mit diesen Schlagzeilen aus der vergangenen Woche? Irgendwie ist es schon seltsam, wenn hier am Ambo, von wo aus die Frohe Botschaft verkündet werden soll, lauter negative Schlagzeilen aufgezählt werden und alles andere als eine frohe Stimmung aufkommt.
Sind wir ehrlich, schlechte Stimmung liegt tatsächlich wie Mehltau über unserer Gesellschaft. Sie kennen alle die Umfragen wie das Politbarometer im ZDF oder den Deutschlandtrend in der ARD. Ich selbst werde manchmal vom Forsa-Institut angerufen und beteilige mich regelmäßig an einer entsprechenden Plattform.
Alle zwei bis drei Wochen kommt dann auch die stets gleiche Frage: Welche drei der folgenden Begriffe treffen auf Ihre aktuelle Gefühlslage zu? 8 Begriffe werden vorgegeben, 4 positive und 4 negative: Unsicherheit · Zuversicht · Angst · Freude · Kontrollverlust · Dankbarkeit · Wut · Sicherheit (oder keines davon).
Welches Gefühl steht seit Monaten ganz oben auf der Rangliste? Es sind drei negative: Unsicherheit, Wut und Kontrollverlust. Die positiven Gefühle Zuversicht und Dankbarkeit folgen erst dahinter. Die Angst rangiert noch vor der Freude, die Sicherheit steht an letzter Stelle. Diese Umfrage ist repräsentativ!
Warum glauben wir dem Schlechten mehr als dem Guten? Warum ist das Glas stets halb leer?
Liegt es daran, dass unsere Vorfahren häufiger überlebten, wenn sie einer Gefahr mehr Aufmerksamkeit schenkten als einer angenehmen Situation? Wer vor 100.000 Jahren das Rascheln im Gebüsch ignorierte, wurde womöglich gefressen. Wer es ernst nahm, lebte weiter. Dieses „asymmetrische Aufmerksamkeitssystem“, wie es die Forscher nennen, ist tief in unserem Gehirn verankert.
Auch die Medien verstärken diese Tendenz. Erich Kästner hat es treffend beschrieben: Ein Kalb mit vier Beinen interessiert niemanden – hat es fünf, wollen es alle zum Frühstück lesen. Und so ist es heute mit den Nachrichten nicht anders – im Gegenteil.
Schlechte Nachrichten steigern die Aufmerksamkeit – das wissen Medien und soziale Netzwerke gleichermaßen. Only bad news are good news – Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten – dieses Prinzip beherrscht unsere Medienwelt. Irgendwann beginnen wir, die Welt so zu sehen, wie sie uns gezeigt wird: düster, bedrohlich, voller böser Absichten.
Dem möchte ich die heutige Frohe Botschaft entgegenstellen: Drei Lesungen haben wir gehört, die alttestamentliche aus dem Buch Hosea, die neutestamentliche aus dem Römerbrief des Apostels Paulus und schließlich das Evangelium nach Matthäus.
Der Prophet Hosea lebte etwa 750 Jahre vor Christus im Nordreich Israels. Damals war Israel wirtschaftlich erfolgreich, aber religiös und moralisch stark korrumpiert. Hosea spricht im Namen Gottes und appelliert: „An Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“
Paulus stellt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom Abraham als Vorbild im Glauben vor: „Gegen alle Hoffnung hat Abraham voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde.“
Und dann hörten wir heute im Evangelium, wie Jesus einen Zöllner namens Matthäus anspricht: „Folge mir nach!“, schließlich bei ihm einkehrt und mit dessen Freunden zu Tisch sitzt. Einige Pharisäer bekommen das mit und regen sich hintenrum auf. Zu seinen Jüngern sagen sie: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ Jesus hört das und kontert mit einem Spruch wie Hosea: „Geht und lernt, was es heißt, Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“
Ich muss den Standpunkt der Pharisäer kurz erläutern. In unserem Sprachgebrauch steht ein Pharisäer für einen selbstgerechten, scheinheiligen Menschen – doch das ist ein Zerrbild. Viele Pharisäer waren aufrichtige, tiefgläubige, gebildete Menschen, die die religiösen Gesetze kannten und einhielten. Wer sie nicht einhielt, mit dem pflegten sie keinen Kontakt.
Dazu gehörten Menschen mit unreinen Berufen, zum Beispiel Schafhirten, die meist Analphabeten waren; oder Gerber, die Kontakt mit Kadavern, Tierhäuten und Urin hatten. Auch die Zöllner zählten zu den sozial und moralisch anrüchigen Berufen. Warum?
Palästina war zur Zeit Jesu von den Römern besetzt. Die Juden hatten deswegen Steuern an den römischen Kaiser abzugeben. Um das zu organisieren, brauchte man Personal, und das waren die sog. Zöllner. Diese trieben Steuern und Zölle für die fremde, heidnische Macht ein, was in den Augen frommer Juden als Verrat am eigenen Volk und an Gott galt. Da Zöllner ständig mit Heiden und deren Münzen, die noch dazu heidnische Götterbilder trugen, in Kontakt kamen, galten sie nach pharisäischer Auslegung als rituell unrein.
Dazu kam, die Zöllner betrieben ein korruptes System: Ein Zöllner kaufte das Recht, Steuern einzutreiben, und konnte problemlos mehr verlangen. Was er über den festgelegten Betrag hinaus eintrieb, behielt er selbst. Willkür und Bereicherung auf Kosten der eigenen Leute waren weit verbreitet. Das machte sie zu Außenseitern der jüdischen Gesellschaft.
Die Pharisäer, die auf strenge Gesetzestreue und Reinheit großen Wert legten, schlossen Zöllner faktisch aus der religiösen Gemeinschaft aus. Man durfte nicht mit ihnen verkehren und schon gar nicht zusammen essen, denn Tischgemeinschaft bedeutete Solidarität und rituelle Einheit.
Und genau dieser Konflikt ist der Hintergrund des heutigen Evangeliums. Jesus setzt sich über diese durchaus verständliche „normale“ Einstellung hinweg und provoziert so die religiöse Elite. Er provoziert sie allerdings nicht im negativen Sinne, sondern mit seiner Menschlichkeit, mit seinem Appell an die Barmherzigkeit, mit seinem Glauben das Gute im Menschen:
„Jesus sah einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach. Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Jesus hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ (Mt 9, 9 – 13)
Das heißt noch lange nicht, dass Jesus es gutheißt, wenn ein Zöllner die Menschen betrügt. Jesus sieht in Matthäus aber nicht zuerst den Betrüger, sondern den Menschen, den Außenseiter, den Kranken, der des Arztes bedarf. Wir dürfen davon ausgehen, dass der Zöllner Matthäus nach der Begegnung mit Jesus „geheilt“ war und die Menschen nicht mehr betrogen hat.
Die Argumentation Jesu lautet stets: Weil Gott gut zu uns ist, deswegen sollen wir gut zu unseren Mitmenschen sein, über gesellschaftliche Gepflogenheiten hinaus. Womöglich würde Jesus heute sagen, bezogen auf die Umfragen: Geht und lernt, Freude, Dankbarkeit und Zuversicht zu verbreiten. Gott hat keinen Gefallen, an Hoffnungslosigkeit, an Wut, Unsicherheit und Angst.
Sehen wir also zu, dass bei uns das Positive überhandnimmt. Wenn wir ständig negativ sprechen, macht uns das nur negativ. Wer ständig lästert, wird selber lästig.
Ich habe mit Negativschlagzeilen begonnen – ich möchte mit zwei positiven Beispielen schließen. Zunächst eine persönliche Erfahrung: Kirchliche, gläubige Kreise erlebe ich menschlicher und angenehmer als Kreise, in denen es nur um Geld und Vergnügen geht. Trotz aller Unzulänglichkeiten der Kirche spüre ich: Der Heilige Geist hat, so deute ich es, noch nicht aufgehört zu wehen.
Und dann eine Passage aus Peter L. Bergers „Auf den Spuren der Engel“. Der österreichisch-amerikanische Soziologe beschreibt eine Mutter, die ihrem Kind mit einer einfachen Geste die Angst nimmt. Er deutet diese als Signal der Transzendenz, das über naturwissenschaftliches Denken hinausweist.
„Ein Kind erwacht – vielleicht aus schweren Träumen – und findet sich allein, von nächtlicher Dunkelheit umgeben, namenloser Angst ausgeliefert. Die vertrauten Umrisse der Wirklichkeit sind verwischt, ja unsichtbar. Chaos will hereinbrechen. Das Kind schreit nach der Mutter … Die Mutter – und vielleicht nur sie – hat die Macht, das Chaos zu bannen und die Welt in ihrer Wohlgestalt wieder in Ordnung zu bringen. Genau das tut jede Mutter. Sie nimmt das Kind in den Arm und wiegt es … Sie zündet ein Licht an, und warmer, Sicherheit verheißender Schein umgibt sie und ihr Kind. Sie spricht zu ihrem Kind, sie singt ihm ein Schlummerlied. Und der Grundtenor ist auf der ganzen Welt immer und immer derselbe: ‚Hab’ keine Angst‘; ‚alles ist in Ordnung‘; ‚alles ist wieder gut‘. Das Kind schluchzt vielleicht noch ein paarmal auf und gibt sich allmählich zufrieden. Sein Vertrauen zur Wirklichkeit ist zurückgewonnen, und in diesem Vertrauen kann es wieder einschlafen. … Belügt die Mutter ihr Kind?“1
Wenn wir nur auf die Vernunft bauen würden, wäre die Antwort der Mutter, angesichts aller Katastrophen in der Welt, angesichts des Unrechts, das überall geschieht, angesichts des Todes, auf den wir alle zugehen, eine Lüge. Dieses Vertrauen in die Wirklichkeit, dass „alles in Ordnung ist“, dass „alles wieder gut ist“, ist naturwissenschaftlich nicht begründbar und belegbar. Es ist und bleibt Glaube, ist Gottvertrauen und ist das, was dem menschlichen Leben Sinn gibt.
Also: Bauen wir auf das Gute, auf das Positive, auf den guten Geist, und legen dieses Vertrauen getrost in Gottes Hände. Amen
1 Peter L. Berger, Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz, Frankfurt a. M. 1970, S. 82f.



