Signale der Hoffnung in scheinbar dunklen Zeiten.

Andreas Erndl am 08.06.2026

Predigt von Dionys Asenkerschbaumer 

Signa­le der Hoff­nung in schein­bar dunk­len Zeiten

Pre­digt von Dio­nys Asen­kersch­bau­mer am 10. Sonn­tag im Jah­res­kreis, Lese­jahr A
zu Hos 6, 3 – 6; Röm 4, 18 – 25; Mt 9, 9 – 13

Lie­be Schwes­tern und Brü­der im Glauben!

Der Krieg in der Ukrai­ne geht unver­min­dert wei­ter; Nah­ost-Kon­flikt spitzt sich erneut zu, USA und Iran grei­fen wie­der an; wach­sen­de Angst vor wirt­schaft­li­chem Abstieg in Deutsch­land; Indus­trie auf his­to­ri­schem Tief; Unzu­frie­den­heit mit der Bun­des­re­gie­rung nimmt zu; Gesund­heits­sys­tem droht zu kol­la­bie­ren; Deutsch­land schei­tert mit Antrag auf einen Sitz im UN-Sicher­heits­rat; weni­ger Ren­te für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge; Alters­be­zü­ge: vier Jah­re Bun­des­tag ent­spre­chen 28 Jah­ren von Durchschnittsverdienern; …

Wie geht es Ihnen mit die­sen Schlag­zei­len aus der ver­gan­ge­nen Woche? Irgend­wie ist es schon selt­sam, wenn hier am Ambo, von wo aus die Fro­he Bot­schaft ver­kün­det wer­den soll, lau­ter nega­ti­ve Schlag­zei­len auf­ge­zählt wer­den und alles ande­re als eine fro­he Stim­mung aufkommt.

Sind wir ehr­lich, schlech­te Stim­mung liegt tat­säch­lich wie Mehl­tau über unse­rer Gesell­schaft. Sie ken­nen alle die Umfra­gen wie das Polit­ba­ro­me­ter im ZDF oder den Deutsch­land­trend in der ARD. Ich selbst wer­de manch­mal vom For­sa-Insti­tut ange­ru­fen und betei­li­ge mich regel­mä­ßig an einer ent­spre­chen­den Plattform.

Alle zwei bis drei Wochen kommt dann auch die stets glei­che Fra­ge: Wel­che drei der fol­gen­den Begrif­fe tref­fen auf Ihre aktu­el­le Gefühls­la­ge zu? 8 Begrif­fe wer­den vor­ge­ge­ben, 4 posi­ti­ve und 4 nega­ti­ve: Unsi­cher­heit · Zuver­sicht · Angst · Freu­de · Kon­troll­ver­lust · Dank­bar­keit · Wut · Sicher­heit (oder kei­nes davon).

Wel­ches Gefühl steht seit Mona­ten ganz oben auf der Rang­lis­te? Es sind drei nega­ti­ve: Unsi­cher­heit, Wut und Kon­troll­ver­lust. Die posi­ti­ven Gefüh­le Zuver­sicht und Dank­bar­keit fol­gen erst dahin­ter. Die Angst ran­giert noch vor der Freu­de, die Sicher­heit steht an letz­ter Stel­le. Die­se Umfra­ge ist repräsentativ!

War­um glau­ben wir dem Schlech­ten mehr als dem Guten? War­um ist das Glas stets halb leer?

Liegt es dar­an, dass unse­re Vor­fah­ren häu­fi­ger über­leb­ten, wenn sie einer Gefahr mehr Auf­merk­sam­keit schenk­ten als einer ange­neh­men Situa­ti­on? Wer vor 100.000 Jah­ren das Rascheln im Gebüsch igno­rier­te, wur­de womög­lich gefres­sen. Wer es ernst nahm, leb­te wei­ter. Die­ses ​„asym­me­tri­sche Auf­merk­sam­keits­sys­tem“, wie es die For­scher nen­nen, ist tief in unse­rem Gehirn verankert.

Auch die Medi­en ver­stär­ken die­se Ten­denz. Erich Käst­ner hat es tref­fend beschrie­ben: Ein Kalb mit vier Bei­nen inter­es­siert nie­man­den – hat es fünf, wol­len es alle zum Früh­stück lesen. Und so ist es heu­te mit den Nach­rich­ten nicht anders – im Gegenteil.

Schlech­te Nach­rich­ten stei­gern die Auf­merk­sam­keit – das wis­sen Medi­en und sozia­le Netz­wer­ke glei­cher­ma­ßen. Only bad news are good news – Nur schlech­te Nach­rich­ten sind gute Nach­rich­ten – die­ses Prin­zip beherrscht unse­re Medi­en­welt. Irgend­wann begin­nen wir, die Welt so zu sehen, wie sie uns gezeigt wird: düs­ter, bedroh­lich, vol­ler böser Absichten.

Dem möch­te ich die heu­ti­ge Fro­he Bot­schaft ent­ge­gen­stel­len: Drei Lesun­gen haben wir gehört, die alt­tes­ta­ment­li­che aus dem Buch Hosea, die neu­tes­ta­ment­li­che aus dem Römer­brief des Apos­tels Pau­lus und schließ­lich das Evan­ge­li­um nach Matthäus.

Der Pro­phet Hosea leb­te etwa 750 Jah­re vor Chris­tus im Nord­reich Isra­els. Damals war Isra­el wirt­schaft­lich erfolg­reich, aber reli­gi­ös und mora­lisch stark kor­rum­piert. Hosea spricht im Namen Got­tes und appel­liert: ​„An Lie­be habe ich Gefal­len, nicht an Schlacht­op­fern, an Got­tes­er­kennt­nis mehr als an Brandopfern.“

Pau­lus stellt in sei­nem Brief an die Gemein­de in Rom Abra­ham als Vor­bild im Glau­ben vor: ​„Gegen alle Hoff­nung hat Abra­ham voll Hoff­nung geglaubt, dass er der Vater vie­ler Völ­ker werde.“

Und dann hör­ten wir heu­te im Evan­ge­li­um, wie Jesus einen Zöll­ner namens Mat­thä­us anspricht: ​„Fol­ge mir nach!“, schließ­lich bei ihm ein­kehrt und mit des­sen Freun­den zu Tisch sitzt. Eini­ge Pha­ri­sä­er bekom­men das mit und regen sich hin­ten­rum auf. Zu sei­nen Jün­gern sagen sie: ​„Wie kann euer Meis­ter zusam­men mit Zöll­nern und Sün­dern essen?“ Jesus hört das und kon­tert mit einem Spruch wie Hosea: ​„Geht und lernt, was es heißt, Barm­her­zig­keit will ich, nicht Opfer!“

Ich muss den Stand­punkt der Pha­ri­sä­er kurz erläu­tern. In unse­rem Sprach­ge­brauch steht ein Pha­ri­sä­er für einen selbst­ge­rech­ten, schein­hei­li­gen Men­schen – doch das ist ein Zerr­bild. Vie­le Pha­ri­sä­er waren auf­rich­ti­ge, tief­gläu­bi­ge, gebil­de­te Men­schen, die die reli­giö­sen Geset­ze kann­ten und ein­hiel­ten. Wer sie nicht ein­hielt, mit dem pfleg­ten sie kei­nen Kontakt. 

Dazu gehör­ten Men­schen mit unrei­nen Beru­fen, zum Bei­spiel Schaf­hir­ten, die meist Analpha­be­ten waren; oder Ger­ber, die Kon­takt mit Kada­vern, Tier­häu­ten und Urin hat­ten. Auch die Zöll­ner zähl­ten zu den sozi­al und mora­lisch anrü­chi­gen Beru­fen. Warum?

Paläs­ti­na war zur Zeit Jesu von den Römern besetzt. Die Juden hat­ten des­we­gen Steu­ern an den römi­schen Kai­ser abzu­ge­ben. Um das zu orga­ni­sie­ren, brauch­te man Per­so­nal, und das waren die sog. Zöll­ner. Die­se trie­ben Steu­ern und Zöl­le für die frem­de, heid­ni­sche Macht ein, was in den Augen from­mer Juden als Ver­rat am eige­nen Volk und an Gott galt. Da Zöll­ner stän­dig mit Hei­den und deren Mün­zen, die noch dazu heid­ni­sche Göt­ter­bil­der tru­gen, in Kon­takt kamen, gal­ten sie nach pha­ri­säi­scher Aus­le­gung als ritu­ell unrein.

Dazu kam, die Zöll­ner betrie­ben ein kor­rup­tes Sys­tem: Ein Zöll­ner kauf­te das Recht, Steu­ern ein­zu­trei­ben, und konn­te pro­blem­los mehr ver­lan­gen. Was er über den fest­ge­leg­ten Betrag hin­aus ein­trieb, behielt er selbst. Will­kür und Berei­che­rung auf Kos­ten der eige­nen Leu­te waren weit ver­brei­tet. Das mach­te sie zu Außen­sei­tern der jüdi­schen Gesellschaft.

Die Pha­ri­sä­er, die auf stren­ge Geset­zes­treue und Rein­heit gro­ßen Wert leg­ten, schlos­sen Zöll­ner fak­tisch aus der reli­giö­sen Gemein­schaft aus. Man durf­te nicht mit ihnen ver­keh­ren und schon gar nicht zusam­men essen, denn Tisch­ge­mein­schaft bedeu­te­te Soli­da­ri­tät und ritu­el­le Einheit.

Und genau die­ser Kon­flikt ist der Hin­ter­grund des heu­ti­gen Evan­ge­li­ums. Jesus setzt sich über die­se durch­aus ver­ständ­li­che ​„nor­ma­le“ Ein­stel­lung hin­weg und pro­vo­ziert so die reli­giö­se Eli­te. Er pro­vo­ziert sie aller­dings nicht im nega­ti­ven Sin­ne, son­dern mit sei­ner Mensch­lich­keit, mit sei­nem Appell an die Barm­her­zig­keit, mit sei­nem Glau­ben das Gute im Menschen:

„Jesus sah einen Mann namens Mat­thä­us am Zoll sit­zen und sag­te zu ihm: Fol­ge mir nach! Und Mat­thä­us stand auf und folg­te ihm nach. Und als Jesus in sei­nem Haus bei Tisch war, sie­he, vie­le Zöll­ner und Sün­der kamen und aßen zusam­men mit ihm und sei­nen Jün­gern. Als die Pha­ri­sä­er das sahen, sag­ten sie zu sei­nen Jün­gern: Wie kann euer Meis­ter zusam­men mit Zöll­nern und Sün­dern essen? Jesus hör­te es und sag­te: Nicht die Gesun­den bedür­fen des Arz­tes, son­dern die Kran­ken. Geht und lernt, was es heißt: Barm­her­zig­keit will ich, nicht Opfer!“ (Mt 9, 9 – 13)

Das heißt noch lan­ge nicht, dass Jesus es gut­heißt, wenn ein Zöll­ner die Men­schen betrügt. Jesus sieht in Mat­thä­us aber nicht zuerst den Betrü­ger, son­dern den Men­schen, den Außen­sei­ter, den Kran­ken, der des Arz­tes bedarf. Wir dür­fen davon aus­ge­hen, dass der Zöll­ner Mat­thä­us nach der Begeg­nung mit Jesus ​„geheilt“ war und die Men­schen nicht mehr betro­gen hat.

Die Argu­men­ta­ti­on Jesu lau­tet stets: Weil Gott gut zu uns ist, des­we­gen sol­len wir gut zu unse­ren Mit­men­schen sein, über gesell­schaft­li­che Gepflo­gen­hei­ten hin­aus. Womög­lich wür­de Jesus heu­te sagen, bezo­gen auf die Umfra­gen: Geht und lernt, Freu­de, Dank­bar­keit und Zuver­sicht zu ver­brei­ten. Gott hat kei­nen Gefal­len, an Hoff­nungs­lo­sig­keit, an Wut, Unsi­cher­heit und Angst.

Sehen wir also zu, dass bei uns das Posi­ti­ve über­hand­nimmt. Wenn wir stän­dig nega­tiv spre­chen, macht uns das nur nega­tiv. Wer stän­dig läs­tert, wird sel­ber lästig.

Ich habe mit Nega­tiv­schlag­zei­len begon­nen – ich möch­te mit zwei posi­ti­ven Bei­spie­len schlie­ßen. Zunächst eine per­sön­li­che Erfah­rung: Kirch­li­che, gläu­bi­ge Krei­se erle­be ich mensch­li­cher und ange­neh­mer als Krei­se, in denen es nur um Geld und Ver­gnü­gen geht. Trotz aller Unzu­läng­lich­kei­ten der Kir­che spü­re ich: Der Hei­li­ge Geist hat, so deu­te ich es, noch nicht auf­ge­hört zu wehen.

Und dann eine Pas­sa­ge aus Peter L. Ber­gers ​„Auf den Spu­ren der Engel“. Der öster­rei­chisch-ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge beschreibt eine Mut­ter, die ihrem Kind mit einer ein­fa­chen Ges­te die Angst nimmt. Er deu­tet die­se als Signal der Tran­szen­denz, das über natur­wis­sen­schaft­li­ches Den­ken hinausweist.

„Ein Kind erwacht – viel­leicht aus schwe­ren Träu­men – und fin­det sich allein, von nächt­li­cher Dun­kel­heit umge­ben, namen­lo­ser Angst aus­ge­lie­fert. Die ver­trau­ten Umris­se der Wirk­lich­keit sind ver­wischt, ja unsicht­bar. Cha­os will her­ein­bre­chen. Das Kind schreit nach der Mut­ter … Die Mut­ter – und viel­leicht nur sie – hat die Macht, das Cha­os zu ban­nen und die Welt in ihrer Wohl­ge­stalt wie­der in Ord­nung zu brin­gen. Genau das tut jede Mut­ter. Sie nimmt das Kind in den Arm und wiegt es … Sie zün­det ein Licht an, und war­mer, Sicher­heit ver­hei­ßen­der Schein umgibt sie und ihr Kind. Sie spricht zu ihrem Kind, sie singt ihm ein Schlum­mer­lied. Und der Grund­te­nor ist auf der gan­zen Welt immer und immer der­sel­be: ​‚Hab’ kei­ne Angst‘; ​‚alles ist in Ord­nung‘; ​‚alles ist wie­der gut‘. Das Kind schluchzt viel­leicht noch ein paar­mal auf und gibt sich all­mäh­lich zufrie­den. Sein Ver­trau­en zur Wirk­lich­keit ist zurück­ge­won­nen, und in die­sem Ver­trau­en kann es wie­der ein­schla­fen. … Belügt die Mut­ter ihr Kind?“1

Wenn wir nur auf die Ver­nunft bau­en wür­den, wäre die Ant­wort der Mut­ter, ange­sichts aller Kata­stro­phen in der Welt, ange­sichts des Unrechts, das über­all geschieht, ange­sichts des Todes, auf den wir alle zuge­hen, eine Lüge. Die­ses Ver­trau­en in die Wirk­lich­keit, dass ​„alles in Ord­nung ist“, dass ​„alles wie­der gut ist“, ist natur­wis­sen­schaft­lich nicht begründ­bar und beleg­bar. Es ist und bleibt Glau­be, ist Gott­ver­trau­en und ist das, was dem mensch­li­chen Leben Sinn gibt. 

Also: Bau­en wir auf das Gute, auf das Posi­ti­ve, auf den guten Geist, und legen die­ses Ver­trau­en getrost in Got­tes Hän­de. Amen

1 Peter L. Ber­ger, Auf den Spu­ren der Engel. Die moder­ne Gesell­schaft und die Wie­der­ent­de­ckung der Tran­szen­denz, Frank­furt a. M. 1970, S. 82f.

Weitere Nachrichten

26.10.2026

Neuer Pfarrbrief online

Unser neuer Pfarrbrief ist online erhältlich

12.10.2026

Ehejubiläumsgottesdienst

am Samstag den 21.11.2026 um 18 Uhr in Strasskirchen

12.10.2026

Angebot zur Trauerbegleitung

Wir sind für sie da