„Fürchtet euch nicht!“ – etwa hundertmal begegnet uns dieser Satz in der Bibel, z.B., als der Engel den Hirten die Geburt Jesu verkündet: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude.“ Die Ermutigung „Fürchtet euch nicht!“ nimmt gewissermaßen einen Spitzenplatz ein: Keine andere göttliche Zusage wird in der Bibel so häufig wiederholt.
Sogar ein Hannes Ringlstetter verwendet diesen Satz auf einer seiner CD „Fürchtet euch nicht!“ und speziell in einem Song, den er mit der niederbayerischen Hip-Hop-Band „Dicht & Ergreifend“ produziert hat (den Anfang zitiere ich aus ästhetischen Gründen im Kirchenraum lieber nicht …): „… eich ned ei und duats eich ned owe, denkts immer dro, des wos i hob howe. Mei Botschaft is so oid wia schlicht: ‚Fürchtet euch nicht!‘“1
Im heutigen Evangelium nach Matthäus kommt der Satz dreimal vor. Das Evangelium des Matthäus wurde um 85 n. Chr. geschrieben, also über 50 Jahre nach dem Tod Jesu. Da war die Christenverfolgung durch die Staatsmacht Rom bereits voll im Gange. Der römische Kaiser nahm für sich in Anspruch, selbst als Gott angebetet zu werden; daher duldete er keine Konkurrenz durch den christlichen Gott. Wer öffentlich als Christ auftrat, lief Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Für die ersten Christen ging es tatsächlich um Leib und Leben.
Anders als etwa heute im Iran, wo die Mullahs Demonstrierende verfolgen und gnadenlos hinrichten wie damals im alten Rom, braucht sich bei uns hier gottseidank niemand um Leib und Leben fürchten. Dennoch: Wir alle müssen einmal sterben, todsicher. Und wer fürchtet sich nicht vor dem Tod?
Die meisten hier werden den Fredl Fesl kennen. Er ist vor ziemlich genau zwei Jahren am 25. Juni verstorben. Ich persönlich hatte das Glück, mit ihm und seiner Frau befreundet zu sein. Fredl war öfters hier in Kellberg, beim Kirchenwirt oder bei uns zu Hause. Wir haben an seiner Autobiographie „Ohne Gaudi is ois nix“ gearbeitet. Fredl Fesl war schwer parkinson-krank. Und wir haben so manches Mal über sehr ernste Themen gesprochen, auch über den Tod. Einmal sagte er mir einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Vor’m Dod, na, do hob i überhaupt koa Angst.“ Fredl Fesl, kein besonders kirchlicher Mensch, schöpfte seine Zuversicht und Gelassenheit aus dem Humor, aus der Lebensfreude, aus seiner „Gaudi“. „Gaudium“ ist das lateinische Wort für die stille, innere Lebensfreude, das unmittelbar mit dem bayrischen Ausdruck „Gaudi“ zusammenhängt. 2013 hat Papst Franziskus eine Enzyklika herausgebracht, die heißt: „Evangelii gaudium“. Die beginnt mit den Worten: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen.“ Dem Passauer Bischof Stefan Oster, der sich nicht nur für die päpstliche Enzyklika, sondern auch für die Autobiographie des bayerischen Musikkabarettisten interessierte, schrieb der Fredl Fesl als Widmung: „Da Papst, der schickt a Schreiben rum: Evangelii gaudium. Sogar in Rom, da wissen’s gwiss, dass’s ohne Gaudi ois nix is.“
Zurück Thema „keine Angst vor dem Tod“. Da möchte ich von einer mir sehr nahestehenden 97-jährigen Person erzählen. Ich habe sie häufig im Pflegeheim besucht, zwei Jahre hat sie dort verbracht. Sie war trotz körperlicher Einschränkungen geistig noch ganz fit und erklärte mir: „Mei, i g’frei mi scho auf d‘ewige Ruah!“ Sie hatte ein langes, äußerst arbeitsreiches Leben hinter sich, und hatte einen Glauben, der manchmal fast kindlich wirkte – aber gerade darin unerschütterlich war. Dieses tiefe Gottvertrauen ließ sie schließlich auch in großer Gelassenheit sterben, sie ist einfach eingeschlafen. Letzten Mittwoch haben wir sie zu Grabe getragen. Es war meine Mutter.
„Fürchtet euch nicht!“ Furcht und Vertrauen sind Gegenpole. Wo Vertrauen ist, weichen Angst und Furcht – und wo Angst und Furcht herrschen, kann kein Vertrauen wachsen. Vertrauen ist eine unsichtbare Kraft.
Vertrauen ist etwas Transzendentes, wie wir Theologen sagen, etwas, das über das rein Natürliche hinausweist. Warum? Vertrauen lässt sich nicht künstlich herbeiführen, Vertrauen lässt sich nicht erzwingen und nicht kaufen. Und das Gottvertrauen? Es setzt menschliches Vertrauen nicht außer Kraft, sondern wächst aus ihm heraus. Im Vertrauen zueinander spüren und erfahren wir ein Stück Gottvertrauen. Glaube und Vertrauen sind zwei fast austauschbare Begriffe. Echter Glaube ist immer auch Vertrauen.
Es ist ja die Überzeugung vieler, vornehmlich derer, die sich positivistisch auf die Naturwissenschaften berufen: „Ich glaube nur das, was ich sehe.“ „Glauben heißt nicht wissen“, meint der eine oder andere, oder wie man bei uns in Bayern sagt: „Nis g’wiss woaß ma ned. (nützt’s nix, so schad’ts vielleicht aa nix.)“. Das trifft in gewisser Hinsicht zu, wenn ich etwa glaube, Kellberg sei von Thyrnau nur 2 Kilometer entfernt, dann weiß ich es eben nicht besser. Das lässt sich allerdings leicht überprüfen und widerlegen.
Aber Glauben ist weit mehr: Etwa, wenn ich sage, „ich glaube Dir“, „ich glaube Dir, dass Du mich nicht ausschmierst. Ich glaube dir, dass du es gut mit mir meinst.“ Das ist ein Glaube, der gleichbedeutend ist mit Vertrauen. Vertrauen kann man – wie gesagt – nicht erzwingen, Vertrauen kann man sich nicht kaufen, Vertrauen muss man zulassen oder schenken.
Viele lebenswichtige Dinge kann man nicht messen, sehen, wiegen oder mit den Sinnen erfassen. Aber diese „Dinge“ sind trotzdem wirklich, sind tatsächlich und bestimmen unser Leben wesentlich, und das wird nicht einmal ein Atheist leugnen: Liebe, Freude, Mut, Hoffnung, Vertrauen … Und genau da bei diesen „geistigen Dingen“ fängt für uns Christen der Glaube an. Für sie gibt es keine handfesten Beweise. Man muss sich darauf einlassen. Wir Christen sind überzeugt, dass sie mit unserem Glauben zusammenhängen – denn diese „Dinge“, die wir weder sehen noch messen, weder wiegen noch chemisch analysieren können, sind nicht auf Abruf verfügbar und auch nicht online bestellbar. Sie sind Gnade, Geschenk Gottes.
Wer sagt mir eigentlich, dass ich mich wirklich auf Gott verlassen kann? Vielleicht lässt sich das mit einem kleinen Kind vergleichen, das im Schwimmbad am Beckenrand sitzt. Die Mutter steht im Wasser und ruft ihm zu: „Spring! Ich fange dich auf. Hab keine Angst, du gehst nicht unter. Ich halte dich fest.“ Doch woher soll das Kind wissen, dass das stimmt? Wer kann ihm garantieren, dass die Mutter es im entscheidenden Moment tatsächlich auffängt? Letztlich bleibt ihm nur eines: Es muss den Sprung wagen. Es muss darauf vertrauen, dass die Mutter ihr Versprechen hält.
Beim ersten Mal wird das Kind wahrscheinlich noch zögern. Es rutscht vielleicht nach vorne, zieht sich wieder zurück, nimmt Anlauf und bricht ihn wieder ab. Immer wieder schaut es zur Mutter und braucht ihre ermutigenden Worte. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem es sich entscheidet und springt. Und dann erlebt es etwas Entscheidendes: Es wird aufgefangen. Es merkt, dass die Mutter es nicht fallen lässt. Es spürt, wie gut es tut, sich einem anderen anvertrauen zu können und getragen zu werden.
Wer schon einmal Kinder dabei beobachtet hat, kennt die Reaktion. Kaum ist das Kind mit einem großen Platschen sicher in den Armen der Mutter gelandet, strahlt es über das ganze Gesicht und ruft begeistert: „Mama, noch einmal!“2
So ähnlich kann auch Vertrauen zu Gott wachsen. Nicht durch Beweise oder Garantien, sondern indem man den ersten Schritt wagt und die Erfahrung macht, dass man getragen wird. Auch das Vertrauen darauf, dass letztlich alles in Ordnung ist, der Glaube daran, dass das Leben im Tiefsten getragen und aufgehoben ist, lässt sich naturwissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen. Es entzieht sich der Messbarkeit und bleibt dennoch eine tragende Kraft menschlichen Lebens. Es ist Glaube, es ist Vertrauen – und gerade darin schenkt es Orientierung, Hoffnung und Sinn. Als Christinnen und Christen verstehen wir dieses Vertrauen als Gottvertrauen. Wir glauben, dass unserem Leben ein tragender Grund zugrunde liegt, der größer ist als wir selbst.
Die Bibel, das Alte wie das Neue Testament, ist reich an Geschichten, Bildern und Erfahrungen, die von diesem Vertrauen erzählen. Das Wort Gottes, das wir Sonntag für Sonntag hören, weist immer wieder auf jene unsichtbaren Wirklichkeiten hin, die unser Leben prägen und tragen: Glaube, Hoffnung, Liebe, Zuversicht, Vertrauen und vieles mehr. Sie sind nicht sichtbar wie die Dinge der äußeren Welt, und doch erschließen sie eine tiefere Dimension menschlichen Lebens.
Beten heißt, das eigene Leben mit allem, was es trägt und bewegt, vor Gott zu bringen – auch wenn dieser Gott unseren Augen verborgen bleibt. Doch wir können etwas von seiner Gegenwart erahnen in dem Vertrauen, das wir selbst erfahren und das wir anderen schenken. Gerade in solchen unsichtbaren Wirklichkeiten scheint dem Glaubenden etwas von Gott auf.
Freilich kann man das Beten auf sehr unterschiedliche Weise verstehen. Man kann es als eine Art Leistung betrachten, als den Versuch, Gott gewissermaßen auf die eigene Seite zu ziehen: Je mehr Gebete, je mehr Rosenkränze, desto größer der erhoffte göttliche Beistand. Doch Beten erschöpft sich nicht in einem solchen Denken.
Es gibt eine tiefere Weise des Betens. Wenn etwa ein Mensch schwer erkrankt ist und wir ihm sagen: „Wir nehmen dich mit in unser Gebet“, dann geschieht tatsächlich etwas. Nicht unbedingt, weil sich die äußeren Umstände sofort verändern, wohl aber, weil ein Raum des Vertrauens entsteht. Das Gefühl, nicht allein zu sein, kann wachsen. Hoffnung gewinnt an Kraft, und die Angst verliert etwas von ihrer bedrängenden Macht. So wird das Gebet zu einer Quelle von Zuversicht – unabhängig davon, was die Zukunft bringen mag. Wer betet, empfängt nicht immer Antworten auf seine Fragen. Aber er entdeckt mitunter eine Kraft, die ihm hilft, mit den offenen Fragen zu leben.
Also: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchten wir uns nicht: Schenken wir einander Vertrauen, schaffen wir in „Gott’s Nam“ – in Gottes Namen – Räume des Vertrauens und der Zuversicht. Dann werden und bleiben wir auch im Glauben stark und brauchen uns vor nichts zu fürchten.
- https://www.br-klassik.de/video/bayern-allstar-rapper-100.html
- vgl. Jörg Sieger, https://www.joerg-sieger.de/predigt/jahr_a/a_12.php (zuletzt aufgerufen am 21.6.2026).



