Vertrauen – eine unsichtbare Kraft

Pfarrverband Straßkirchen am 23.06.2026

Predigt zum 12. So im JK, Lesejahr A, Mt 10,26–33
von Dionys Asenkerschbaumer

Fürch­tet euch nicht!“ – etwa hun­dert­mal begeg­net uns die­ser Satz in der Bibel, z.B., als der Engel den Hir­ten die Geburt Jesu ver­kün­det: Fürch­tet euch nicht, denn ich ver­kün­de euch eine gro­ße Freu­de.“ Die Ermu­ti­gung Fürch­tet euch nicht!“ nimmt gewis­ser­ma­ßen einen Spit­zen­platz ein: Kei­ne ande­re gött­li­che Zusa­ge wird in der Bibel so häu­fig wiederholt.

Sogar ein Han­nes Ringl­stet­ter ver­wen­det die­sen Satz auf einer sei­ner CD Fürch­tet euch nicht!“ und spe­zi­ell in einem Song, den er mit der nie­der­baye­ri­schen Hip-Hop-Band Dicht & Ergrei­fend“ pro­du­ziert hat (den Anfang zitie­re ich aus ästhe­ti­schen Grün­den im Kir­chen­raum lie­ber nicht …): „… eich ned ei und duats eich ned owe, denkts immer dro, des wos i hob howe. Mei Bot­schaft is so oid wia schlicht: Fürch­tet euch nicht!‘“1

Im heu­ti­gen Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us kommt der Satz drei­mal vor. Das Evan­ge­li­um des Mat­thä­us wur­de um 85 n. Chr. geschrie­ben, also über 50 Jah­re nach dem Tod Jesu. Da war die Chris­ten­ver­fol­gung durch die Staats­macht Rom bereits voll im Gan­ge. Der römi­sche Kai­ser nahm für sich in Anspruch, selbst als Gott ange­be­tet zu wer­den; daher dul­de­te er kei­ne Kon­kur­renz durch den christ­li­chen Gott. Wer öffent­lich als Christ auf­trat, lief Gefahr, ver­haf­tet und getö­tet zu wer­den. Für die ers­ten Chris­ten ging es tat­säch­lich um Leib und Leben.

Anders als etwa heu­te im Iran, wo die Mul­lahs Demons­trie­ren­de ver­fol­gen und gna­den­los hin­rich­ten wie damals im alten Rom, braucht sich bei uns hier gott­sei­dank nie­mand um Leib und Leben fürch­ten. Den­noch: Wir alle müs­sen ein­mal ster­ben, tod­si­cher. Und wer fürch­tet sich nicht vor dem Tod?

Die meis­ten hier wer­den den Fredl Fesl ken­nen. Er ist vor ziem­lich genau zwei Jah­ren am 25. Juni ver­storben. Ich per­sön­lich hat­te das Glück, mit ihm und sei­ner Frau befreun­det zu sein. Fredl war öfters hier in Kell­berg, beim Kir­chen­wirt oder bei uns zu Hau­se. Wir haben an sei­ner Auto­bio­gra­phie Ohne Gau­di is ois nix“ gear­bei­tet. Fredl Fesl war schwer par­kin­son-krank. Und wir haben so man­ches Mal über sehr erns­te The­men gespro­chen, auch über den Tod. Ein­mal sag­te er mir einen Satz, den ich nie ver­ges­sen wer­de: Vor’m Dod, na, do hob i über­haupt koa Angst.“ Fredl Fesl, kein beson­ders kirch­li­cher Mensch, schöpf­te sei­ne Zuver­sicht und Gelas­sen­heit aus dem Humor, aus der Lebens­freu­de, aus sei­ner Gau­di“. Gau­di­um“ ist das latei­ni­sche Wort für die stil­le, inne­re Lebens­freu­de, das unmit­tel­bar mit dem bay­ri­schen Aus­druck Gau­di“ zusam­men­hängt. 2013 hat Papst Fran­zis­kus eine Enzy­kli­ka her­aus­ge­bracht, die heißt: Evan­ge­lii gau­di­um“. Die beginnt mit den Wor­ten: Die Freu­de des Evan­ge­li­ums erfüllt das Herz und das gesam­te Leben derer, die Jesus begeg­nen.“ Dem Pas­sau­er Bischof Ste­fan Oster, der sich nicht nur für die päpst­li­che Enzy­kli­ka, son­dern auch für die Auto­bio­gra­phie des baye­ri­schen Musik­ka­ba­ret­tis­ten inter­es­sier­te, schrieb der Fredl Fesl als Wid­mung: Da Papst, der schickt a Schrei­ben rum: Evan­ge­lii gau­di­um. Sogar in Rom, da wissen’s gwiss, dass’s ohne Gau­di ois nix is.“

Zurück The­ma kei­ne Angst vor dem Tod“. Da möch­te ich von einer mir sehr nahe­ste­hen­den 97-jäh­ri­gen Per­son erzäh­len. Ich habe sie häu­fig im Pfle­ge­heim besucht, zwei Jah­re hat sie dort ver­bracht. Sie war trotz kör­per­li­cher Ein­schrän­kun­gen geis­tig noch ganz fit und erklär­te mir: Mei, i g’frei mi scho auf d‘ewige Ruah!“ Sie hat­te ein lan­ges, äußerst arbeits­rei­ches Leben hin­ter sich, und hat­te einen Glau­ben, der manch­mal fast kind­lich wirk­te – aber gera­de dar­in uner­schüt­ter­lich war. Die­ses tie­fe Gott­ver­trau­en ließ sie schließ­lich auch in gro­ßer Gelas­sen­heit ster­ben, sie ist ein­fach ein­ge­schla­fen. Letz­ten Mitt­woch haben wir sie zu Gra­be getra­gen. Es war mei­ne Mutter.

Fürch­tet euch nicht!“ Furcht und Ver­trau­en sind Gegen­po­le. Wo Ver­trau­en ist, wei­chen Angst und Furcht – und wo Angst und Furcht herr­schen, kann kein Ver­trau­en wach­sen. Ver­trau­en ist eine unsicht­ba­re Kraft.

Ver­trau­en ist etwas Tran­szen­den­tes, wie wir Theo­lo­gen sagen, etwas, das über das rein Natür­li­che hin­aus­weist. War­um? Ver­trau­en lässt sich nicht künst­lich her­bei­füh­ren, Ver­trau­en lässt sich nicht erzwin­gen und nicht kau­fen. Und das Gott­ver­trau­en? Es setzt mensch­li­ches Ver­trau­en nicht außer Kraft, son­dern wächst aus ihm her­aus. Im Ver­trau­en zuein­an­der spü­ren und erfah­ren wir ein Stück Gott­ver­trau­en. Glau­be und Ver­trau­en sind zwei fast aus­tausch­ba­re Begrif­fe. Ech­ter Glau­be ist immer auch Vertrauen.

Es ist ja die Über­zeu­gung vie­ler, vor­nehm­lich derer, die sich posi­ti­vis­tisch auf die Natur­wis­sen­schaf­ten beru­fen: Ich glau­be nur das, was ich sehe.“ Glau­ben heißt nicht wis­sen“, meint der eine oder ande­re, oder wie man bei uns in Bay­ern sagt: Nis g’wiss woaß ma ned. (nützt’s nix, so schad’ts viel­leicht aa nix.)“. Das trifft in gewis­ser Hin­sicht zu, wenn ich etwa glau­be, Kell­berg sei von Thyr­n­au nur 2 Kilo­me­ter ent­fernt, dann weiß ich es eben nicht bes­ser. Das lässt sich aller­dings leicht über­prü­fen und widerlegen.

Aber Glau­ben ist weit mehr: Etwa, wenn ich sage, ich glau­be Dir“, ich glau­be Dir, dass Du mich nicht aus­schmierst. Ich glau­be dir, dass du es gut mit mir meinst.“ Das ist ein Glau­be, der gleich­be­deu­tend ist mit Ver­trau­en. Ver­trau­en kann man – wie gesagt – nicht erzwin­gen, Ver­trau­en kann man sich nicht kau­fen, Ver­trau­en muss man zulas­sen oder schenken. 

Vie­le lebens­wich­ti­ge Din­ge kann man nicht mes­sen, sehen, wie­gen oder mit den Sin­nen erfas­sen. Aber die­se Din­ge“ sind trotz­dem wirk­lich, sind tat­säch­lich und bestim­men unser Leben wesent­lich, und das wird nicht ein­mal ein Athe­ist leug­nen: Lie­be, Freu­de, Mut, Hoff­nung, Ver­trau­en … Und genau da bei die­sen geis­ti­gen Din­gen“ fängt für uns Chris­ten der Glau­be an. Für sie gibt es kei­ne hand­fes­ten Bewei­se. Man muss sich dar­auf ein­las­sen. Wir Chris­ten sind über­zeugt, dass sie mit unse­rem Glau­ben zusam­men­hän­gen – denn die­se Din­ge“, die wir weder sehen noch mes­sen, weder wie­gen noch che­misch ana­ly­sie­ren kön­nen, sind nicht auf Abruf ver­füg­bar und auch nicht online bestell­bar. Sie sind Gna­de, Geschenk Gottes.

Wer sagt mir eigent­lich, dass ich mich wirk­lich auf Gott ver­las­sen kann? Viel­leicht lässt sich das mit einem klei­nen Kind ver­glei­chen, das im Schwimm­bad am Becken­rand sitzt. Die Mut­ter steht im Was­ser und ruft ihm zu: Spring! Ich fan­ge dich auf. Hab kei­ne Angst, du gehst nicht unter. Ich hal­te dich fest.“ Doch woher soll das Kind wis­sen, dass das stimmt? Wer kann ihm garan­tie­ren, dass die Mut­ter es im ent­schei­den­den Moment tat­säch­lich auf­fängt? Letzt­lich bleibt ihm nur eines: Es muss den Sprung wagen. Es muss dar­auf ver­trau­en, dass die Mut­ter ihr Ver­spre­chen hält.

Beim ers­ten Mal wird das Kind wahr­schein­lich noch zögern. Es rutscht viel­leicht nach vor­ne, zieht sich wie­der zurück, nimmt Anlauf und bricht ihn wie­der ab. Immer wie­der schaut es zur Mut­ter und braucht ihre ermu­ti­gen­den Wor­te. Doch irgend­wann kommt der Moment, in dem es sich ent­schei­det und springt. Und dann erlebt es etwas Ent­schei­den­des: Es wird auf­ge­fan­gen. Es merkt, dass die Mut­ter es nicht fal­len lässt. Es spürt, wie gut es tut, sich einem ande­ren anver­trau­en zu kön­nen und getra­gen zu werden.

Wer schon ein­mal Kin­der dabei beob­ach­tet hat, kennt die Reak­ti­on. Kaum ist das Kind mit einem gro­ßen Plat­schen sicher in den Armen der Mut­ter gelan­det, strahlt es über das gan­ze Gesicht und ruft begeis­tert: Mama, noch ein­mal!“2

So ähn­lich kann auch Ver­trau­en zu Gott wach­sen. Nicht durch Bewei­se oder Garan­tien, son­dern indem man den ers­ten Schritt wagt und die Erfah­rung macht, dass man getra­gen wird. Auch das Ver­trau­en dar­auf, dass letzt­lich alles in Ord­nung ist, der Glau­be dar­an, dass das Leben im Tiefs­ten getra­gen und auf­ge­ho­ben ist, lässt sich natur­wis­sen­schaft­lich weder bewei­sen noch wider­le­gen. Es ent­zieht sich der Mess­bar­keit und bleibt den­noch eine tra­gen­de Kraft mensch­li­chen Lebens. Es ist Glau­be, es ist Ver­trau­en – und gera­de dar­in schenkt es Ori­en­tie­rung, Hoff­nung und Sinn. Als Chris­tin­nen und Chris­ten ver­ste­hen wir die­ses Ver­trau­en als Gott­ver­trau­en. Wir glau­ben, dass unse­rem Leben ein tra­gen­der Grund zugrun­de liegt, der grö­ßer ist als wir selbst.

Die Bibel, das Alte wie das Neue Tes­ta­ment, ist reich an Geschich­ten, Bil­dern und Erfah­run­gen, die von die­sem Ver­trau­en erzäh­len. Das Wort Got­tes, das wir Sonn­tag für Sonn­tag hören, weist immer wie­der auf jene unsicht­ba­ren Wirk­lich­kei­ten hin, die unser Leben prä­gen und tra­gen: Glau­be, Hoff­nung, Lie­be, Zuver­sicht, Ver­trau­en und vie­les mehr. Sie sind nicht sicht­bar wie die Din­ge der äuße­ren Welt, und doch erschlie­ßen sie eine tie­fe­re Dimen­si­on mensch­li­chen Lebens.

Beten heißt, das eige­ne Leben mit allem, was es trägt und bewegt, vor Gott zu brin­gen – auch wenn die­ser Gott unse­ren Augen ver­bor­gen bleibt. Doch wir kön­nen etwas von sei­ner Gegen­wart erah­nen in dem Ver­trau­en, das wir selbst erfah­ren und das wir ande­ren schen­ken. Gera­de in sol­chen unsicht­ba­ren Wirk­lich­kei­ten scheint dem Glau­ben­den etwas von Gott auf.

Frei­lich kann man das Beten auf sehr unter­schied­li­che Wei­se ver­ste­hen. Man kann es als eine Art Leis­tung betrach­ten, als den Ver­such, Gott gewis­ser­ma­ßen auf die eige­ne Sei­te zu zie­hen: Je mehr Gebe­te, je mehr Rosen­krän­ze, des­to grö­ßer der erhoff­te gött­li­che Bei­stand. Doch Beten erschöpft sich nicht in einem sol­chen Denken.

Es gibt eine tie­fe­re Wei­se des Betens. Wenn etwa ein Mensch schwer erkrankt ist und wir ihm sagen: Wir neh­men dich mit in unser Gebet“, dann geschieht tat­säch­lich etwas. Nicht unbe­dingt, weil sich die äuße­ren Umstän­de sofort ver­än­dern, wohl aber, weil ein Raum des Ver­trau­ens ent­steht. Das Gefühl, nicht allein zu sein, kann wach­sen. Hoff­nung gewinnt an Kraft, und die Angst ver­liert etwas von ihrer bedrän­gen­den Macht. So wird das Gebet zu einer Quel­le von Zuver­sicht – unab­hän­gig davon, was die Zukunft brin­gen mag. Wer betet, emp­fängt nicht immer Ant­wor­ten auf sei­ne Fra­gen. Aber er ent­deckt mit­un­ter eine Kraft, die ihm hilft, mit den offe­nen Fra­gen zu leben.

Also: Fürch­tet euch nicht!“ Fürch­ten wir uns nicht: Schen­ken wir ein­an­der Ver­trau­en, schaf­fen wir in Gott’s Nam“ – in Got­tes Namen – Räu­me des Ver­trau­ens und der Zuver­sicht. Dann wer­den und blei­ben wir auch im Glau­ben stark und brau­chen uns vor nichts zu fürchten.

  1. https://​www​.br​-klas​sik​.de/​v​i​d​e​o​/​b​a​y​e​r​n​-​a​l​l​s​t​a​r​-​r​a​p​p​e​r​-​100​.html
  2. vgl. Jörg Sie­ger, https://​www​.joerg​-sie​ger​.de/​p​r​e​d​i​g​t​/​j​a​h​r​_​a​/​a​_​12.php (zuletzt auf­ge­ru­fen am 21.6.2026).

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