Das erste Mal seit langem fand in Straßkirchen die erste Wortgottes Feier statt, geleitet durch Dionys Asenkerschbaumer und Inge Wandl. Es war ein sehr schöner, würdiger und feierlicher Gottesdienst. Dieses zusätzliche Angebot ist ein guter Schritt die Gemeindegottesdienste in den Pfarreien langfristig zu erhalten.
„Das Loslassen des eigenen Egos ist eine der schwierigsten, aber letztlich lohnendsten Formen des Loslassens – wenn man sich denn traut.”
Predigt von Dionys Asenkerschbaumer
21. So im JK, LJ C: Jes 66,18 – 21; Hebr 12,5 – 7.11 – 13; Lk 13,22 – 30
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
„Wen der Herr liebt, den züchtigt er!“ Ein Satz der heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief. Keine leichte Kost. Er klingt fast wie ein schlechter Erziehungsratgeber aus alten Zeiten, in denen viel geschimpft und geprügelt wurde. Ich musste zuerst auch etwas schlucken, weil ich mich an ein Erlebnis aus meiner Gymnasialzeit in Burghausen im Jahr 1965 zurückerinnert habe:
Ich bin gerade einmal zehn Jahre alt. Wir haben Lateinunterricht bei Herrn Josef E. Mein Freund Seppi B. wird ausgefragt. Er hat wieder nichts gelernt. Der Lateinlehrer möchte ihn bestrafen und stellt ihn vor die Wahl: „Willst du lieber einen Verweis oder eine Watschn?“ Seppi entscheidet sich für die Watschn. Josef E. zieht ihm eine über, und zwar so heftig, dass es den Seppi umhaut, und er heftig aus der Nase blutet. Nicht nur ich hatte manchmal den Eindruck, dass es dem Lateinlehrer – und manch anderem Pädagogen damals – Freude bereitete, Kinder zu verprügeln. Das Gymnasium hat der Seppi nicht geschafft. Josef E. wurde später Leiter eines anderen Gymnasiums und nie für seine gewalttätigen Erziehungsmethoden zur Rechenschaft gezogen.
„Wen der Herr liebt, den züchtigt er“ wurde häufig als Rechtfertigung für Gewalt in der Erziehung missbraucht. Das Ziel mancher Sadisten war und ist nicht das Wohl der Kinder, sondern das Ausleben von Aggression und Machtgehabe. Die gesamte Missbrauchsproblematik ist voll solcher Geschichten.
„Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet!“, hieß es in der Lesung weiter. Wie bereits erwähnt, ging es vor 60 und erst recht vor 2000 Jahren in der Erziehung etwas robuster zu als heute. Das Leben war seinerzeit aber auch weit mehr von Leid und Härte geprägt als heute. Klar ist: Eltern wollen und wollten damals, dass aus ihren Söhnen und Töchtern einmal etwas wird. Früher wurde dazu offensichtlich gern zur Rute gegriffen. Bei genauerer Betrachtung stellt man allerdings fest, dass im Hebräerbrief nicht Gewalt und Aggression im Vordergrund stehen, sondern das „Wohl“ der Söhne.
Die Methode „Der Vater schlägt jeden Sohn, den er gern hat, mit der Rute“ mag damals zielführend gewesen sein. Heute ist es eher umgekehrt, es fehlt oft an Strenge und Konsequenz. Das ist genauso problematisch. Eins steht jedenfalls fest, es kostet stets Mühe und Schmerz, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wer im Sport etwas erreichen will, muss so manches Opfer bringen. Und das gilt in gleicher Weise für den Glauben. Da wird mir auch etwas abverlangt, glauben ist nicht nur bequem. Auch im Glauben muss ich mich bemühen. Genau dieser Gedanke ist die Brücke zum heutigen Evangelium.
Wie schon an den letzten Sonntagen geht es bei Lukas heute um das Reich Gottes. Jesus wird gefragt, wie man in dieses Reich Gottes kommt und: „Sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Mit dem „Reich Gottes“ ist bei Jesus nicht nur der jenseitige Himmel gemeint, in den alle Guten einmal kommen. In den Gleichnissen Jesu geht es genauso um das „Schon jetzt“ des Reiches Gottes. Wer sich hier im Leben in den Bereich Gottes begibt und das Reich Gottes hier erlebt, bekommt einen „Vorgeschmack“ auf das ewige Leben, das wir uns erhoffen. Jesus vergleicht es heute mit einer Tür, durch die man sich quasi quetschen muss: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!“
„Bemüht euch!“ Wie sieht dieses Bemühen aus? Genussfeindlichkeit? Manche glauben, dass Gott es einem später anrechnen wird, wenn man sich vorsätzlich quält oder kasteit. Ich bin der Meinung, dass so ein „Kuhhandel mit Gott“ nicht funktioniert. Vielleicht kennen Sie die mittelalterlichen Geißler. Sie haben die Selbstkasteiung auf die Spitze getrieben. Sie zogen im 12. und 13. Jahrhundert in Gruppen durch das Land, predigten und sangen fromme Lieder. Dabei peitschten sie sich selbst aus und geißelten sich, in dem Glauben, damit Buße zu tun. Viele Menschen sahen die Pest damals als Strafe Gottes und glaubten, dass Gott die Strafe von ihnen abwenden würde, wenn sie sich auf diese Weise mit ihm aussöhnten. Das Schlimme daran war, dass durch diese Geißlerzüge die Pest noch weiter verbreitet wurde.
Ein weiterer Gedanke. Vielleicht haben Sie letzte Woche die Pressemeldung gelesen, die unter anderem in der FAZ und der PNP erschien: Donald Trump sagte in einem Fernsehinterview: „I want to try and get to heaven, if possible.“ „Ich möchte versuchen, in den Himmel zu kommen, wenn das möglich ist.“ Trump meinte ernsthaft, seine Bemühungen um ein Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine würden seine Chancen auf einen Platz im Himmel steigern.
Ob Donald Trump das heutige Evangelium schon einmal gehört hat? Ich vermute eher, dass er sich weigern würde, sich durch eine enge Tür zu zwängen, zumal diese vielleicht gar nicht einmal golden eingefasst ist. Ich wage auch zu bezweifeln, dass Trumps überdimensionales Ego, seine grenzenlose Ichbezogenheit und sein gewaltiger Narzissmus überhaupt durch die enge Tür passen würden.
Damit sind wir beim zentralen Punkt: Es geht um das Ego, um das eigene Ich. Es geht um mich selber. Ich bin gefragt. „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“ Es kostet Kraft und Überwindung, von seinem Ego, von seiner Ichbezogenheit abzusehen. Das Loslassen des eigenen Egos ist eine der schwierigsten, aber letztlich lohnendsten Formen des Loslassens – wenn man sich denn traut.
Das Loslassen des eigenen Egos kann heißen: Vergebung zu schenken; anderen und auch sich selbst zu vergeben, um Frieden zu finden.
Das Loslassen des eigenen Egos kann heißen, einen Schmerz zuzulassen. Meistens ist es am Ende heilsamer, einem Schmerz nicht aus dem Weg zu gehen.
Das Loslassen des eigenen Egos ist stets riskant. Wer oder was gibt mir die Sicherheit? Es bleibt einzig das Gottvertrauen, zu dem wir Christen uns bekennen. Gott, den wir nicht sehen oder beweisen können, aber dem wir wie ein Kind seiner sorgenden Mutter vertrauen dürfen.
Ich möchte hier auf einen früheren Vortrag von Bischof Stefan Oster zurückkommen, in dem er von einer „Kultur des Sich-selbst-vergessen-Dürfens“ gesprochen hat, in der „Ewiges Leben“ und „Christusnähe“ spürbar werden können. Der Soziologe Peter L. Berger wähnt den Menschen da „Auf den Spuren der Engel“. Beispielsweise im Spiel, in dem man sich vergisst, oder in einer Tätigkeit, in der man aufgeht; in der Musik, in der Kunst, in einer Feier; überall dort, wo man nicht fragen muss: „Was habe ich davon?“, wo man nicht rechnen muss, „Was kostet mich das?“.
Um diese „Kultur des Selbstvergessens“ sollten wir uns tagtäglich bemühen: im sorgsamen Umgang miteinander, im gegenseitigen Respekt, im Verzeihen, in Großzügigkeit, in Offenheit füreinander. Es ist die Kunst des Liebens, wie es der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm formuliert hat. Ein Leben in Gelassenheit, im Gottvertrauen und in der gegenseitigen Bestärkung darin.
Abschließend möchte ich noch eine Geschichte erzählen, weil sie so gut zum Thema „verschlossene Tür“ passt, eine Begebenheit, die sich in einer Pfarrei hier im Bistum Passau ereignet hat. Es war in den 1950er Jahren. Damals wurde die Sonntagspflicht noch sehr ernst genommen. In besagter Pfarrei kamen die Kirchenbesucher ständig zu spät zum Gottesdienst. Um diese Unsitte abzustellen, sperrte der Pfarrer am Sonntag einfach das hintere Kirchenportal zu. So mussten alle durch den Vordereingang eintreten. Für diejenigen, die zu spät kamen, war das eine besondere Blamage. Ob der Pfarrer damals Erfolg hatte, ist nicht überliefert. Die Aktion selber aber haben die Leute lange nicht vergessen. 30 Jahre später erzählte mir der damals mittlerweile 80-jährige, der als Ruhestandspfarrer seinen Lebensabend in seiner früheren Pfarrei verbrachte: „Wie dumm war das damals von mir. Ich habe versucht, dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen. Ich hätte viel gelassener sein sollen“. Späte Reue, aber immerhin. Und die Leute haben es ihm auch verziehen.
Also: Bemühen wir uns, durch die schmale Tür zu gelangen, indem wir wagen, vom Thron unseres Egos herabzusteigen. „In Gott’s Nam’“, wie wir Bayern sagen.
In Gottes Namen: Amen.
Dionys Asenkerschbaumer
24. August 2025


