Wortgottesdienst in Straßkirchen

Andreas Erndl am 25.08.2025

Dionys Asenkerschbaumer spricht in seiner Predigt über das Loslassen des eigenen Egos

Das ers­te Mal seit lan­gem fand in Straß­kir­chen die ers­te Wort­got­tes Fei­er statt, gelei­tet durch Dio­nys Asen­kersch­bau­mer und Inge Wandl. Es war ein sehr schö­ner, wür­di­ger und fei­er­li­cher Got­tes­dienst. Die­ses zusätz­li­che Ange­bot ist ein guter Schritt die Gemein­de­got­tes­diens­te in den Pfar­rei­en lang­fris­tig zu erhalten.

„Das Los­las­sen des eige­nen Egos ist eine der schwie­rigs­ten, aber letzt­lich loh­nends­ten For­men des Los­las­sens – wenn man sich denn traut.”

Dionys Asenkerschbaumer

Predigt von Dionys Asenkerschbaumer

21. So im JK, LJ C: Jes 66,18 – 21; Hebr 12,5 – 7.11 – 13; Lk 13,22 – 30

Lie­be Schwes­tern und Brü­der im Glauben! 

„Wen der Herr liebt, den züch­tigt er!“ Ein Satz der heu­ti­gen Lesung aus dem Hebrä­er­brief. Kei­ne leich­te Kost. Er klingt fast wie ein schlech­ter Erzie­hungs­rat­ge­ber aus alten Zei­ten, in denen viel geschimpft und geprü­gelt wur­de. Ich muss­te zuerst auch etwas schlu­cken, weil ich mich an ein Erleb­nis aus mei­ner Gym­na­si­al­zeit in Burg­hau­sen im Jahr 1965 zurück­er­in­nert habe:

Ich bin gera­de ein­mal zehn Jah­re alt. Wir haben Latein­un­ter­richt bei Herrn Josef E. Mein Freund Sep­pi B. wird aus­ge­fragt. Er hat wie­der nichts gelernt. Der Latein­leh­rer möch­te ihn bestra­fen und stellt ihn vor die Wahl: ​„Willst du lie­ber einen Ver­weis oder eine Watschn?“ Sep­pi ent­schei­det sich für die Watschn. Josef E. zieht ihm eine über, und zwar so hef­tig, dass es den Sep­pi umhaut, und er hef­tig aus der Nase blu­tet. Nicht nur ich hat­te manch­mal den Ein­druck, dass es dem Latein­leh­rer – und manch ande­rem Päd­ago­gen damals – Freu­de berei­te­te, Kin­der zu ver­prü­geln. Das Gym­na­si­um hat der Sep­pi nicht geschafft. Josef E. wur­de spä­ter Lei­ter eines ande­ren Gym­na­si­ums und nie für sei­ne gewalt­tä­ti­gen Erzie­hungs­me­tho­den zur Rechen­schaft gezogen.

„Wen der Herr liebt, den züch­tigt er“ wur­de häu­fig als Recht­fer­ti­gung für Gewalt in der Erzie­hung miss­braucht. Das Ziel man­cher Sadis­ten war und ist nicht das Wohl der Kin­der, son­dern das Aus­le­ben von Aggres­si­on und Macht­ge­ha­be. Die gesam­te Miss­brauchs­pro­ble­ma­tik ist voll sol­cher Geschichten. 

„Hal­tet aus, wenn ihr gezüch­tigt wer­det!“, hieß es in der Lesung wei­ter. Wie bereits erwähnt, ging es vor 60 und erst recht vor 2000 Jah­ren in der Erzie­hung etwas robus­ter zu als heu­te. Das Leben war sei­ner­zeit aber auch weit mehr von Leid und Här­te geprägt als heu­te. Klar ist: Eltern wol­len und woll­ten damals, dass aus ihren Söh­nen und Töch­tern ein­mal etwas wird. Frü­her wur­de dazu offen­sicht­lich gern zur Rute gegrif­fen. Bei genaue­rer Betrach­tung stellt man aller­dings fest, dass im Hebrä­er­brief nicht Gewalt und Aggres­si­on im Vor­der­grund ste­hen, son­dern das ​„Wohl“ der Söhne. 

Die Metho­de ​„Der Vater schlägt jeden Sohn, den er gern hat, mit der Rute“ mag damals ziel­füh­rend gewe­sen sein. Heu­te ist es eher umge­kehrt, es fehlt oft an Stren­ge und Kon­se­quenz. Das ist genau­so pro­ble­ma­tisch. Eins steht jeden­falls fest, es kos­tet stets Mühe und Schmerz, ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen. Wer im Sport etwas errei­chen will, muss so man­ches Opfer brin­gen. Und das gilt in glei­cher Wei­se für den Glau­ben. Da wird mir auch etwas abver­langt, glau­ben ist nicht nur bequem. Auch im Glau­ben muss ich mich bemü­hen. Genau die­ser Gedan­ke ist die Brü­cke zum heu­ti­gen Evangelium.

Wie schon an den letz­ten Sonn­ta­gen geht es bei Lukas heu­te um das Reich Got­tes. Jesus wird gefragt, wie man in die­ses Reich Got­tes kommt und: ​„Sind es nur weni­ge, die geret­tet wer­den?“ Mit dem ​„Reich Got­tes“ ist bei Jesus nicht nur der jen­sei­ti­ge Him­mel gemeint, in den alle Guten ein­mal kom­men. In den Gleich­nis­sen Jesu geht es genau­so um das ​„Schon jetzt“ des Rei­ches Got­tes. Wer sich hier im Leben in den Bereich Got­tes begibt und das Reich Got­tes hier erlebt, bekommt einen ​„Vor­ge­schmack“ auf das ewi­ge Leben, das wir uns erhof­fen. Jesus ver­gleicht es heu­te mit einer Tür, durch die man sich qua­si quet­schen muss: ​„Bemüht euch mit allen Kräf­ten, durch die enge Tür zu gelangen!“

„Bemüht euch!“ Wie sieht die­ses Bemü­hen aus? Genuss­feind­lich­keit? Man­che glau­ben, dass Gott es einem spä­ter anrech­nen wird, wenn man sich vor­sätz­lich quält oder kas­teit. Ich bin der Mei­nung, dass so ein ​„Kuh­han­del mit Gott“ nicht funk­tio­niert. Viel­leicht ken­nen Sie die mit­tel­al­ter­li­chen Geiß­ler. Sie haben die Selbst­kas­tei­ung auf die Spit­ze getrie­ben. Sie zogen im 12. und 13. Jahr­hun­dert in Grup­pen durch das Land, pre­dig­ten und san­gen from­me Lie­der. Dabei peitsch­ten sie sich selbst aus und gei­ßel­ten sich, in dem Glau­ben, damit Buße zu tun. Vie­le Men­schen sahen die Pest damals als Stra­fe Got­tes und glaub­ten, dass Gott die Stra­fe von ihnen abwen­den wür­de, wenn sie sich auf die­se Wei­se mit ihm aus­söhn­ten. Das Schlim­me dar­an war, dass durch die­se Geiß­ler­zü­ge die Pest noch wei­ter ver­brei­tet wurde.

Ein wei­te­rer Gedan­ke. Viel­leicht haben Sie letz­te Woche die Pres­se­mel­dung gele­sen, die unter ande­rem in der FAZ und der PNP erschien: Donald Trump sag­te in einem Fern­seh­in­ter­view: ​„I want to try and get to hea­ven, if pos­si­ble.“ ​„Ich möch­te ver­su­chen, in den Him­mel zu kom­men, wenn das mög­lich ist.“ Trump mein­te ernst­haft, sei­ne Bemü­hun­gen um ein Frie­dens­ab­kom­men zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne wür­den sei­ne Chan­cen auf einen Platz im Him­mel steigern.

Ob Donald Trump das heu­ti­ge Evan­ge­li­um schon ein­mal gehört hat? Ich ver­mu­te eher, dass er sich wei­gern wür­de, sich durch eine enge Tür zu zwän­gen, zumal die­se viel­leicht gar nicht ein­mal gol­den ein­ge­fasst ist. Ich wage auch zu bezwei­feln, dass Trumps über­di­men­sio­na­les Ego, sei­ne gren­zen­lo­se Ich­be­zo­gen­heit und sein gewal­ti­ger Nar­ziss­mus über­haupt durch die enge Tür pas­sen würden.

Damit sind wir beim zen­tra­len Punkt: Es geht um das Ego, um das eige­ne Ich. Es geht um mich sel­ber. Ich bin gefragt. ​„Bemüht euch mit allen Kräf­ten, durch die enge Tür zu gelan­gen.“ Es kos­tet Kraft und Über­win­dung, von sei­nem Ego, von sei­ner Ich­be­zo­gen­heit abzu­se­hen. Das Los­las­sen des eige­nen Egos ist eine der schwie­rigs­ten, aber letzt­lich loh­nends­ten For­men des Los­las­sens – wenn man sich denn traut. 

Das Los­las­sen des eige­nen Egos kann hei­ßen: Ver­ge­bung zu schen­ken; ande­ren und auch sich selbst zu ver­ge­ben, um Frie­den zu finden. 

Das Los­las­sen des eige­nen Egos kann hei­ßen, einen Schmerz zuzu­las­sen. Meis­tens ist es am Ende heil­sa­mer, einem Schmerz nicht aus dem Weg zu gehen.

Das Los­las­sen des eige­nen Egos ist stets ris­kant. Wer oder was gibt mir die Sicher­heit? Es bleibt ein­zig das Gott­ver­trau­en, zu dem wir Chris­ten uns beken­nen. Gott, den wir nicht sehen oder bewei­sen kön­nen, aber dem wir wie ein Kind sei­ner sor­gen­den Mut­ter ver­trau­en dürfen.

Ich möch­te hier auf einen frü­he­ren Vor­trag von Bischof Ste­fan Oster zurück­kom­men, in dem er von einer ​„Kul­tur des Sich-selbst-ver­ges­sen-Dür­fens“ gespro­chen hat, in der ​„Ewi­ges Leben“ und ​„Chris­tus­nä­he“ spür­bar wer­den kön­nen. Der Sozio­lo­ge Peter L. Ber­ger wähnt den Men­schen da ​„Auf den Spu­ren der Engel“. Bei­spiels­wei­se im Spiel, in dem man sich ver­gisst, oder in einer Tätig­keit, in der man auf­geht; in der Musik, in der Kunst, in einer Fei­er; über­all dort, wo man nicht fra­gen muss: ​„Was habe ich davon?“, wo man nicht rech­nen muss, ​„Was kos­tet mich das?“. 

Um die­se ​„Kul­tur des Selbst­ver­ges­sens“ soll­ten wir uns tag­täg­lich bemü­hen: im sorg­sa­men Umgang mit­ein­an­der, im gegen­sei­ti­gen Respekt, im Ver­zei­hen, in Groß­zü­gig­keit, in Offen­heit für­ein­an­der. Es ist die Kunst des Lie­bens, wie es der Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Phi­lo­soph Erich Fromm for­mu­liert hat. Ein Leben in Gelas­sen­heit, im Gott­ver­trau­en und in der gegen­sei­ti­gen Bestär­kung darin.

Abschlie­ßend möch­te ich noch eine Geschich­te erzäh­len, weil sie so gut zum The­ma ​„ver­schlos­se­ne Tür“ passt, eine Bege­ben­heit, die sich in einer Pfar­rei hier im Bis­tum Pas­sau ereig­net hat. Es war in den 1950er Jah­ren. Damals wur­de die Sonn­tags­pflicht noch sehr ernst genom­men. In besag­ter Pfar­rei kamen die Kir­chen­be­su­cher stän­dig zu spät zum Got­tes­dienst. Um die­se Unsit­te abzu­stel­len, sperr­te der Pfar­rer am Sonn­tag ein­fach das hin­te­re Kir­chen­por­tal zu. So muss­ten alle durch den Vor­der­ein­gang ein­tre­ten. Für die­je­ni­gen, die zu spät kamen, war das eine beson­de­re Bla­ma­ge. Ob der Pfar­rer damals Erfolg hat­te, ist nicht über­lie­fert. Die Akti­on sel­ber aber haben die Leu­te lan­ge nicht ver­ges­sen. 30 Jah­re spä­ter erzähl­te mir der damals mitt­ler­wei­le 80-jäh­ri­ge, der als Ruhe­stands­pfar­rer sei­nen Lebens­abend in sei­ner frü­he­ren Pfar­rei ver­brach­te: ​„Wie dumm war das damals von mir. Ich habe ver­sucht, dem lie­ben Gott ins Hand­werk zu pfu­schen. Ich hät­te viel gelas­se­ner sein sol­len“. Spä­te Reue, aber immer­hin. Und die Leu­te haben es ihm auch verziehen.

Also: Bemü­hen wir uns, durch die schma­le Tür zu gelan­gen, indem wir wagen, vom Thron unse­res Egos her­ab­zu­stei­gen. ​„In Gott’s Nam’“, wie wir Bay­ern sagen.

In Got­tes Namen: Amen.

Dio­nys Asen­kersch­bau­mer
24. August 2025

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